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Ende des Monats wird es eng: Gespräch an der Wursttheke half Seniorin in Spardorf

Erlangen/Spardorf/Forchheim – Der Erlanger Verein „Refugium“ hilft seit zehn Jahren sozial Benachteiligten auf dem Wohnungsmarkt in Erlangen und Umgebung – und das auf eine äußerst unbürokratische Weise. Wie die aussieht, zeigt die unglaubliche Geschichte von Wibke Küster.
Beitrag von Sharon Chaffin, NN.de, 17.05.2026, 20:00 Uhr

Wer Wibke Küster zuhört, bemerkt sofort den norddeutschen Tonfall. Dieses weich Gezogene, Unaufgeregte.
Typisch Hamburgerisch, sagt sie selbst dazu. Dort ist sie groß geworden, dort hat sie gearbeitet, ihr Leben aufgebaut. Damals hätte sie sich wohl nie vorstellen können, dass sie im Rentenalter irgendwann einmal sagen muss: „Wenn die vierte Woche kommt, wird es eng.“
Genau so aber ist es gekommen: Nach mehr als vier Jahrzehnten fast durchgängiger Berufstätigkeit muss die 66-Jährige am Monatsende jeden Euro zweimal herumdrehen. „Ich habe immer gearbeitet und mir nie etwas zuschulden kommen lassen“, sagt die gelernte Wurst- und Fleischfachverkäuferin. Zeitweise hatte sie sogar drei Jobs parallel und arbeitete neben ihrem gelernten Beruf noch als Küsterin in der Kirche und abends als Reinigungskraft. Als ihr Mann schwer krank wurde, pflegte sie ihn, bis er starb. Für das alles bekommt sie heute 1149 Euro Rente.
2018 ist Wibke Küster vom hohen Norden nach Franken gezogen. Ihre Tochter lebt hier. Als sie krank wird und Hilfe braucht, kommt die Mutter sofort. „Dann bin ich von Hamburg mit Sack und Pack hierher“, erzählt sie. Erst wohnt sie bei der Tochter, dann zeitweilig mit der Familie in einem gemieteten Haus.
Schließlich findet Wibke Küster eine Wohnung in Forchheim. 900 Euro Miete, dazu Nebenkosten. „Das ging eigentlich schon nicht mehr, aber ich habe gedacht: Das schaffst du auch noch.“ Sie schafft es – gerade so.

„Aber sobald irgendwas Unerwartetes kam“, erzählt sie, „ging gar nichts mehr.“
Um das alles noch irgendwie abzufedern, hat sie bis vor Kurzem noch in ihrem alten Beruf an der Wurst- und Fleischtheke des Rewe-Marktes in Spardorf gearbeitet. Und genau dort fand sie überraschend Hilfe – und zwar über ihr Hamburger Timbre.
Zufälliges Treffen an der Wursttheke im Rewe-Markt in Spardorf
Einer ihrer Kunden nämlich ist Ralf H. Kohlschreiber, der auf dem Nachhauseweg von seiner Arbeit in Erlangen nach Neunkirchen dort regelmäßig einkauft. „Er hat mich auf meine Hamburger Herkunft angesprochen und irgendwie sind wir ins Gespräch gekommen“, berichtet sie in ihrer inzwischen neuen Wohnung in Spardorf.
Immer wieder haben sie sich unterhalten, und irgendwann erzählt Wibke Küster auch von ihrer winzigen Rente und der finanziell schwierigen Lage. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht weiß: Kohlschreiber ist Mitgründer und ehrenamtlicher Vorsitzender von Refugium, ein Verein, der geflüchtete oder einheimische Menschen in Notlagen etwa bei der Wohnungssuche beziehungsweise bei Mietzahlungen finanziell unterstützt. Die Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, sozial Benachteiligte auf demWohnungsmarkt in Erlangen und Umgebung finanziell zu unterstützen.

Die Rentnerin Wibke Küster wohnt seit August 2025 in ihrer neuen Wohnung in Spardorf und ist darüber mehr
als glücklich. Bei der Vermittlung dieser Gewobau-Wohnung hat ihr der Verein „Refugium“ geholfen – und das
nicht zum ersten Mal.© Sharon Chaffin


Als Ralf H. Kohlschreiber immer mehr erfährt von Wibke Küsters Geschichte, die auch von etlichen
Schicksalsschlägen geprägt ist, spricht er mit seinen Mitstreitenden über eine mögliche Unterstützung. „Das
machen wir immer so“, erzählt der 64-Jährige, „wir reden über jede und jeden und entscheiden gemeinsam.“
Bei Wibke Küster müssen die Verantwortlichen nicht lange überlegen, um ihr Zuschüsse, damals noch für die
Wohnung in der Forchheimer Sattlertorstraße, zu geben. Denn der Verein möchte verhindern, dass Menschen
obdachlos werden, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können oder eine Wohnung erst gar nicht
bekommen, weil etwa das Geld für eine Kaution fehlt oder die Miete das vom Jobcenter vorgesehene Budget
um einen nicht großen Betrag übersteigt. In solchen Fällen springt Refugium ein.
„Wir wollten, dass den Menschen möglichst schnell unter die Arme gegriffen wird“, erzählt Kohlschreiber, der
2016 die Idee zu diesem Verein hatte. Als damaliger Redakteur dieses Medienhauses war er zu jener Zeit oft in
Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete unterwegs. „Einmal erledigte ein Mädchen seine Hausaufgaben
auf dem Klo, weil es der einzige Platz war, wo es ungestört war“, erinnert er sich. Lernen und Hausaufgaben
machen, was für Integration ja so wichtig ist, sei da nicht möglich gewesen. „Jeder Mensch braucht einen
Rückzugsort“, sagt er, „also ein Refugium, und das wollten wir Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen
ermöglichen.“
Genau das hat der Verein, der neben anderem von der Bürgerstiftung Erlangen und den Erlanger Stadtwerken
unterstützt wird, in den vergangenen zehn Jahren für mehr als 70 Einzelpersonen und Familien getan, und sie
zum Teil mit langfristigen Mietzuschüssen in einer Höhe von über 100.000 Euro unterstützt. Mit einmaligen
Beihilfen wie für Kautionen oder etwa einen dringend benötigten Kühlschrank haben die 55 Mitglieder und auch
Einzelspender ebenfalls mit weiteren fast 59.000 Euro geholfen (Stand: Dezember 2025).
Wibke Küster hat ebenfalls neben den Mietzuschüssen für die Forchheimer Wohnung eine solche Einmalhilfe
bekommen. Beim Tod ihrer Schwester war das Geld wieder einmal so knapp, dass sie sich eine Bahnkarte zur
Beisetzung im Norden nicht leisten konnte – und Refugium das Ticket bezahlt hat. „Eine Beerdigung kann man
nicht nachholen, wenn man Geld hat“, sagt Kohlschreiber, „das geht nicht.“ Bei diesen Worten merkt man
Wibke Küster die Rührung an und sie lächelt ihn auf dem Sofa an. „Ich kann es immer noch nicht fassen, wie
viel Hilfe ich durch den Verein bekommen habe.“
Projekt der Erlanger Gewobau hinter Alten Ziegelei in Spardorf
Sehr froh ist sie auch über die Wohnung, in der sie seit August 2025 wohnt. Auch hier hatte Kohlschreiber, der
inzwischen seit Langem bei der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Gewobau beschäftigt ist, viel
beigetragen. Da die Miete in Forchheim zu hoch war und Wibke Küster immer von dort nach Spardorf in die
Arbeit pendeln musste, traf es sich gut, als vor knapp einem Jahr in der Nähe der Alten Ziegelei ein Gewobau-
Wohnprojekt fertig wurde und Wibke Küster ein knapp 50 qm großes Appartement mieten konnte.
Für die Wohnung, die billiger ist als jene in Forchheim, erhält die Seniorin über die einkommensorientierte
Förderung einen monatlichen Mietzuschuss. Jetzt komme sie besser über die Runden, sagt sie und strahlt
dabei Kohlschreiber erneut an.
„Ich hätte nie beim Sozialamt um Unterstützung gebeten, aber dass die Hilfe durch ihn zu mir kam, war mein
größtes Glück“, sagt Wibke Küster und deutet wieder auf Kohlschreiber.

So können Sie Refugium stärken
Refugium freut sich über weitere Mitglieder und Einzelspenden: Kontoinhaber: Refugium Erlangen e. V.,
Bankinstitut: Stadt- und Kreissparkasse Erlangen Höchstadt Herzogenaurach, IBAN: DE84 7635 0000 0060
0742 72 BIC: BYLADEM1ERH. Info: www.refugium-erlangen.de bzw. (0176) 222 532 61 (Ralf H. Kohlschreiber)
Zum zehnten Geburtstag informiert der Verein mit diversen Veranstaltungen. So ist bis 31. Juli 2026 in der
Erlanger VHS, Friedrichstraße 19, die Ausstellung „Bezahlbarer Wohnraum in Bayern - Eine soziale Frage“ zu
sehen. Mo- Fr, 10 bis 17 Uhr (an Feiertagen und in den Schulferien geschlossen).